Von Laura Mahler
Das Okavangobecken, eines der größten und ökologisch bedeutendsten Feuchtgebiete der Welt, steht seit Jahren im Fokus internationaler Umweltdebatten. Bereits 2021 sorgten Pläne des kanadischen Unternehmens Reconnaissance Energy Africa Ltd. (ReconAfrica), im Einzugsgebiet des Okavango nach Öl und Gas zu bohren, für massive Proteste in der Zivilgesellschaft. Seitdem haben sich diese Vorhaben nicht nur als ökologisch riskant, sondern auch als rechtlich und wirtschaftlich stark umstritten erwiesen.
Weitreichende Eingriffe in ein einzigartiges Ökosystem
Das Okavangobecken gilt als eines der größten und artenreichsten Feuchtgebiete Afrikas. Der Fluss entspringt im Zentrum Angolas, durchquert die Sambesi-Region im Nordosten Namibias und fließt anschließend nicht ins Meer, sondern versickert im Landesinneren von Botswana im abflusslosen Okavangodelta. Dieses saisonal überflutete Gebiet ist von der UNESCO als Weltnaturerbe anerkannt und bildet das ökologische Herz eines weit verzweigten Wasser- und Feuchtgebietssystems.
ReconAfrica erwarb bereits 2015 von Namibia eine vierjährige Explorationslizenz über eine Fläche von rund 25.500 Quadratkilometern, 2020 folgte eine weitere Lizenz in Botswana mit einer Fläche von mehr als 7.500 Quadratkilometern. Das Unternehmen ging von umfangreichen Öl- und Gasvorkommen aus; zeitweise war sogar von einem der größten Erdölfelder der Welt die Rede. Die Lizenzgebiete erstrecken sich über Teile der Kavango-Zambezi Transfrontier Conservation Area (KAZA), eines grenzüberschreitenden Natur- und Landschaftsschutzgebiets in Angola, Botswana, Namibia, Sambia und Simbabwe. Neben zahlreichen bedrohten Tierarten leben in diesen Gebieten auch rund 200.000 Menschen, darunter indigene San- und Khoe-Gemeinschaften sowie verschiedene lokal ansässige Bantu-sprachige Bevölkerungsgruppen.
Bedrohung für Wasser, Mensch und Tierwelt
Das Wassereinzugsgebiet des Okavangodeltas, bestehend aus dem Okavango-Fluss sowie einem unterirdischen Netz flacher, miteinander verbundener Grundwasserleiter, ist für den Lebensunterhalt und das Überleben von mehr als einer Million Menschen in diesem trockenen Teil des südlichen Afrikas von entscheidender Bedeutung.
Investigative Recherchen, unter anderem von National Geographic, dokumentierten in den vergangenen Jahren zahlreiche Vorwürfe gegen ReconAfrica. Demnach habe das Unternehmen lokale Gemeinden nicht ausreichend über seine Bohrpläne aufgeklärt, Kritiker*innen eingeschüchtert, zugesagte Schutzmaßnahmen gegen Grundwasserverschmutzung unterlassen, gesetzlich vorgeschriebene Wasser- und Landgenehmigungen nicht eingeholt, ohne rechtliche Grundlage im Kapinga-Kamwalye-Conservancy gebohrt und illegal Straßen in Schutzgebieten angelegt.
Die Zerschneidung von Lebensräumen, etwa für Elefanten, hat zudem zu vermehrten Mensch-Wildtier-Konflikten geführt, da Tiere gezwungen sind, ihre traditionellen Wanderrouten zu verlassen und in landwirtschaftlich genutzte Gebiete auszuweichen.
Gesellschaftlicher Widerstand
Schon früh regte sich Widerstand gegen die Explorationspläne im Okavangobecken. Ein zentraler Kritikpunkt war und ist die mangelhafte Information und Beteiligung der lokalen Bevölkerung. Widerstand kam sowohl von Bewohner*innen der betroffenen Gebiete und Vertreter*innen lokal verwalteter Schutzgebiete als auch von zivilgesellschaftlichen Bewegungen wie Fridays for Future Windhoek und SOUL (Safe Okavango’s Unique Life).
Diese Initiativen warnten vor irreparablen Schäden für indigene Gemeinschaften, Biodiversität, Grundwasser und Klima. Auch internationale Umweltorganisationen wie die Deutsche Umwelthilfe (DUH) forderten in Petitionen einen Stopp der Öl- und Gasbohrungen im Okavangobecken.
Misserfolge und Klagen
Bis Anfang 2023 lieferte keine der drei Testbohrungen im Nordosten Namibias Hinweise auf kommerziell förderbares Öl oder Gas. Dennoch hielt ReconAfrica an der These eines funktionsfähigen Erdölsystems fest. Zwischen 2021 und 2024 sah sich ReconAfrica mit Klagen und Ermittlungen auf mehreren Kontinenten konfrontiert. In den USA reichten Investor*innen eine Sammelklage wegen mutmaßlicher Irreführung ein, in Namibia klagte ein Farmer wegen unrechtmäßiger Landnutzung. Behörden in Kanada, Deutschland und den USA prüften zudem mögliche Verstöße gegen Wertpapier- und Börsenrecht. Ein Bericht des namibischen parlamentarischen Ausschusses für natürliche Ressourcen, veröffentlicht im Juli 2025, bestätigte rückblickend, dass ReconAfrica bereits Anfang 2021 ohne die erforderlichen Genehmigungen mit Bohrarbeiten begonnen hatte. Weder gültige Pachtverträge noch Wasserrechte lagen vor, zentrale traditionelle Autoritäten wurden erst Monate nach Beginn der Aktivitäten einbezogen. Der Ausschuss kritisierte zudem das Versagen zuständiger Ministerien bei der Durchsetzung geltenden Rechts.
Trotz dieser Befunde empfahl der namibische Ausschuss mehrheitlich, die Explorationsphase fortzusetzen, betonte jedoch die Notwendigkeit strengerer Kontrollen sowie der freien, vorherigen und informierten Zustimmung der betroffenen Gemeinden bei zukünftigen Projekten.
Ausweitung der Aktivitäten nach Angola
Während sich der Widerstand in Namibia und Botswana weiter verstärkte, weitete ReconAfrica im Jahr 2025 seine Aktivitäten auf Angola aus. Im Juli 2025 unterzeichnete das Unternehmen eine Absichtserklärung mit der angolanischen Erdölbehörde ANPG (Agência Nacional de Petróleo, Gás e Biocombustíveis) zur Exploration von Gasvorkommen im Okavango-Becken. Dieses Gebiet bildet das hydrologische Quellgebiet des Cubango-Okavango-Flusssystems, von dessen Unversehrtheit das gesamte Okavangobecken abhängt.
Umweltorganisationen reagierten alarmiert. Anders als das Okavangodelta in Botswana stehen die Quellgebiete in Angola bislang kaum unter formellem Schutz. Fachleute warnen, dass industrielle Öl- und Gasförderung in dieser sensiblen Region gravierende Folgen für Wasserqualität, Biodiversität und die Lebensgrundlagen von Millionen Menschen in allen Anrainerstaaten haben könnte. Die Sorge wächst insbesondere, da Angola parallel auch anderen internationalen Konzernen Explorationsrechte eingeräumt hat.
Offene Zukunft
Mehr als ein Jahrzehnt, nachdem die ersten Explorationspläne bekannt wurden, ist klar: Bis heute gibt es keine kommerzielle Öl- und Gasförderung, die ökologischen und sozialen Konflikte hingegen haben sich weiter verschärft. Lokale Gemeinschaften, Indigene Völker wie die San, Umweltbewegungen und internationale Organisationen fordern daher weiterhin ein Moratorium für sämtliche Explorationsaktivitäten im Okavangobecken. Dass die Regierungen Angolas, Namibias und Botswanas künftig stärker auf regional abgestimmten Umwelt- und Wasserschutz setzen anstatt weiterhin auf fossile Rohstoffhoffnungen zu bauen, scheint aktuell unwahrscheinlich. Die Öl- und Gasvorhaben von ReconAfrica verdeutlichen exemplarisch die strukturellen Ungleichgewichte, die mit rohstoffbasierten Entwicklungsmodellen in vielen afrikanischen Ländern einhergehen. Während das Okavangobecken ein zentrales Ökosystem für Wasserversorgung, Biodiversität und die Existenz lokaler Gemeinschaften darstellt, birgt die Erschließung fossiler Ressourcen erhebliche ökologische, soziale und klimapolitische Risiken.
Jede weitere Förderung von Öl und Gas führt zu zusätzlichen Treibhausgasemissionen und trägt damit zur globalen Erderwärmung und extremen Wetterereignissen bei – mit potenziell weitreichenden Folgen gerade auch für das südliche Afrika. Das Okavangobecken steht somit nicht nur für die Gefährdung eines einzigartigen Naturraums, sondern symbolisiert auch den grundlegenden Konflikt zwischen fossiler Energiegewinnung und dem Schutz lebenswichtiger Ökosysteme im Zeitalter des Klimawandels.
[Info]
Laura Mahler ist Referentin für Genozid-Prävention und Schutzverantwortung bei der GfbV.