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Dunkle Schatten in der Polarnacht – Auf Spurensuche in Grönland

Von Werner Engels

30 Einwohner, mehr als 100 Schlittenhunde. Hundeschlitten sind im Winter, neben dem Boot im Sommer, das wichtigste Reise- und Transportmittel. Foto: Werner Engels

Ich sitze in einer kleinen Propellermaschine und befinde mich auf dem Flug in den hohen Norden Grönlands, genauer nach Qaanaaq. Mein Ziel liegt noch einmal 60 Kilometer weiter in Siorapaluk. Es ist die nördlichste Siedlung Grönlands, nur noch etwa 1300 Kilometer vom Nordpol entfernt.
Wir sind nur elf Passagiere. Wenn man aus dem Fenster schaut, sieht man nichts. Es ist der 20. Januar 2026, noch ist Winter, noch bestimmt die Dunkelheit das Leben. Für mich ist sie fast symbolisch. Auch politisch hat sich Dunkelheit über das Land gelegt. Es ist die dunkle Angst vor den Großmachtansprüchen der USA, der Absicht entgegen der geltenden internationalen Regeln, Grönland zu übernehmen, zu besitzen, es auszubeuten. Dass hier Menschen mit einer jahrtausendalten Kultur leben, kommt bei diesen Plänen nicht zur Sprache.

Der Schulterschluss wird enger
Schon auf dem Weg in Kopenhagen komme ich mit einem jungen Dänen ins Gespräch. Er ist empört über die Pläne der USA und regt sich sichtlich auf. Der Schulterschluss zwischen Dänemark und Grönland wird wieder enger. Er war nicht immer da.
Bei meinem Zwischenstopp in Ilulissat, einer Viereinhalbtausend-Einwohner-Stadt im Westen der Insel, werde ich von Jannik, einem dänischen Freund, abgeholt. Er lebt seit 40 Jahren hier und betreibt ein Bed and Breakfast.
Bereits nach wenigen Minuten sind wir beim Thema. Jannik beschreibt mir die Unsicherheit und echte Angst seiner grönländischen Freunde vor einer ungewissen Zukunft. Die USA kennt man aus dem Fernsehen. Dieses Leben will hier niemand. Er selbst weiß genau, was die dänische Regierung wirtschaftlich in Grönland und vor allem für die Menschen investiert: Ein völlig kostenloses Gesundheitswesen bis in die entlegensten Dörfer, schulische Bildung, soziale Unterstützung in großem Umfang und ein Preissystem für Lebensmittel und Waren des täglichen Bedarfs, das auch in schwer zugänglichen Regionen mit hohen Transportkosten das Leben möglich macht.

Von den US-Amerikanern vertrieben
In Qaanaaq werde ich zwei Tage Aufenthalt haben. Der Helikopter für die letzte Etappe der Reise fällt aus, und für die Fahrt mit dem Hundeschlitten ist das Eis nicht sicher genug. Es bleibt also Zeit meinen alten Freund Hans Jensen zu besuchen. Er wird bald 76 und hat viele Jahre in Qaanaaq ein kleines Hotel betrieben, das nördlichste in Grönland: fünf winzige Zimmer mit zehn Betten. Hier haben Wissenschaftler, Abenteurer und sogar der dänische König übernachtet. Aus Altersgründen hat er es inzwischen geschlossen. Hans ist Inuit, wurde in Uummannaq geboren (dänisch: Thule, englisch: Dundas). Er gehört zu den Menschen, die 1952 von den US-Amerikanern aus ihrem Dorf vertrieben wurden, als die Thule Air Base gebaut wurde. Das Dorf lag strategisch ungünstig und musste weichen. Hans war damals noch ein Kind und kennt die Ereignisse aus den Erzählungen seiner Eltern.
Die Familien mussten Hals über Kopf ihre Häuser verlassen. Die Militärs ließen ihnen nur drei Tage Zeit, um zu packen und ihre Heimat zu verlassen. Sie sollten einen neuen Ort gründen, Qaanaaq, 100 Kilometer weiter nördlich, ein alter Fangplatz. Die Menschen mussten viel zurücklassen, ihre Unterkünfte, ihre vertraute Umgebung mit den guten Jagdgründen, ihre Verstorbenen auf dem kleinen Friedhof. Ein massiver und aufgezwungener Eingriff in ihr Leben. Die Drohung lautete: „Wenn ihr nicht freiwillig geht, reißen wir eure Häuser mit unseren Bulldozern ab.“ Der neue Wohnort musste erst gebaut werden, die versprochenen neuen Häuser waren nicht fertig und viele Familien mussten einen Winter lang in Zelten leben.

Jäger mit seiner Tochter vor seinem Haus in Siorapaluk. Foto: Werner Engels

„Amerika First“ hat man schon einmal hautnah erlebt.
Bei Hans spüre ich noch heute seine Verbitterung, wenn er davon erzählt. Diese Erfahrungen spielen hier heute eine besondere Rolle. „America First“ hat man schon einmal hautnah erlebt. Im Gespräch sind wir uns beide einig darüber, dass im Falle einer Übernahme Grönlands die kleinen Jägersiedlungen kaum eine Überlebenschance hätten. Sie würden sehr wahrscheinlich aus ökonomischen Gründen als erstes geschlossen. Hier oben im Norden die Jägerkultur am Leben zu erhalten, kostet viel Geld und bringt unterm Strich keinen wirtschaftlichen Nutzen.
Am 22. Januar bin ich endlich mit dem Helikopter in Siorapaluk angekommen. Im kurzen Dämmerlicht des Tages sind wir gelandet. Aktuell leben hier etwa 30 Menschen.
Ich werde ein paar Wochen in einem kleinen Haus wohnen, wie ich das seit 2016 regelmäßig einmal im Jahr mache. Die Menschen hier kennen mich inzwischen, wir besuchen uns gegenseitig, und sie laden mich auch zu ihren Festen ein.
Siorapaluk ist ein sehr altes Jägerdorf, dessen Geschichte einige hundert Jahre zurück geht.

Eine Zukunft als Jäger?
Gestern war ich mit einem jungen Jäger auf dem Hundeschlitten unterwegs. Er hat seine Robbennetze entlang der Küste überprüft. Die Fahrt im zarten Dämmerlicht der Polarnacht ist ein Traum. Er hat mir heute erzählt, dass er genau hier seine Zukunft als Jäger sieht. So möchte er leben. Alles, was zurzeit passiert und diskutiert wird, belaste ihn sehr.
In den nächsten Tagen werde ich sicher noch einige Male mit diesem Thema konfrontiert werden, doch ich hoffe, dass mit dem Ende der Dunkelheit im Frühling auch die dunklen Schatten der US-amerikanischen Machtpolitik hier ein Ende haben.

[Info]
Der Autor und Fotograf Werner Engels bereist Grönland seit Ende der 1980er Jahre regelmäßig, vor allem die Ostküste und Nordgrönland. Von seiner aktuellen Reise und den Schatten der Macht, welche die Menschen vor Ort verunsichern, berichtet er in diesem Beitrag.