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Die „schwarze“ Transformation zwischen Fjord und Weideland – Wie Norwegen für die Energiewende die Sicherheit der Sámi gefährdet …

Von Daniel Ellefsen

Ein samischer Rentierhirte in traditioneller Kleidung. Foto: Pexels

In den nördlichsten Regionen des europäischen Festlands herrschen extreme Wetterbedingungen, die sich von Jahreszeit zu Jahreszeit stark unterscheiden. Von den eisig kalten Winden und dunklen Nächten des Winters, in denen Nordlichter den Himmel erhellen, bis zu den wärmeren, feuchteren Sommermonaten mit einer Sonne, die nie untergeht – diese Landschaften werden seit Jahrtausenden von den Sámi bewohnt, die ihre Lebensweise stetig verfeinert und angepasst haben, um den harten Bedingungen des Landes zu begegnen.
Ihre traditionelle Lebensweise ist jedoch existenziell bedroht – im Namen der „grünen Transformation“ und des von der Europäischen Union verordneten Critical Raw Material Acts (CRMA – EU – 2024/1252). Darf das Recht dieser Menschen auf Sicherheit und Selbstbestimmung – das Recht, ihr Leben im Einklang mit ihren eigenen Bedürfnissen und Traditionen zu führen – dem Streben nach nationaler oder europäischer Energieund Rohstoffsicherheit untergeordnet werden? Das, was hier auf dem Spiel steht, ist der Lebensraum eines Volkes, das seit Jahrtausenden in enger Verbundenheit mit dieser Landschaft lebt – und ein kulturelles Erbe, das untrennbar mit der Natur des Nordens verwoben ist.
„Das Recht des Sámi-Volkes auf Selbstbestimmung ist das grundlegendste Recht, und die grüne Transformation liefert keine Entschuldigung dafür, dieses Recht zu übertreten oder zu ignorieren“, sagt Aslak Holmberg, ehemaliger Präsident des Samenrats. Holmbergs Worte fassen das zentrale Paradoxon der aktuellen norwegischen Energiepolitik zusammen: Während Entwicklungsprojekte im Namen nationaler und kontinentaler Energiesicherheit (CRMA) gerechtfertigt werden, untergraben sie die eigentlichen Grundlagen der Existenzsicherung jener Menschen, die dem Land am nächsten verbunden sind.
Doch Sicherheit darf nicht allein an Energieproduktion oder Exportzahlen gemessen werden. Sie entsteht erst dann, wenn die Rechte der betroffenen Gemeinschaften – insbesondere ihr Recht auf freie, vorherige und informierte Zustimmung – geachtet und die ökologischen Grundlagen ihres Lebensraumes geschützt werden. Nur so kann der CRMA seinem Anspruch einer gerechten und nachhaltigen Rohstoffpolitik gerecht werden.

„Ökologisierung“ im Weidegebiet
Auf der Insel Melkøya in Finnmark, nur wenige Kilometer von Hammerfest entfernt, befindet sich eine Gasverarbeitungsanlage, die zentral für Norwegens fossile Brennstoffexporte ist. Der Plan der Regierung, die Anlage zu elektrifizieren und an das Stromnetz des Festlands anzuschließen, wird als Schritt zur Emissionsreduktion und zur „Ökologisierung“ der norwegischen Erdölindustrie präsentiert. In Wirklichkeit jedoch würde dieser Prozess den Strombedarf der Region drastisch erhöhen und den Bau von elf neuen Windparks in Nordnorwegen erforderlich machen – mehrere davon in traditionellen Rentierweidegebieten der Sámi.
Dieser Plan wird als Beitrag zur nationalen und europäischen Energiesicherheit dargestellt – als sauberere, nachhaltigere Energieversorgung für den Kontinent. Doch wie Holmberg erklärt: „Die Rechte der Sámi gelten unabhängig davon, ob das Motiv hinter der Maßnahme die grüne Transformation, allgemeine Gier oder wirtschaftliche Entwicklung ist.“ Die Entscheidung zur Elektrifizierung der Melkøya-Anlage wurde ohne die freie, vorherige und informierte Zustimmung (FPIC) der betroffenen Sámi-Gemeinschaften getroffen – ein klarer Verstoß gegen nationale wie internationale Verpflichtungen.

Internationaler Pakt verletzt
Der Fall erinnert an den Fosen- Windpark-Konflikt, bei dem der norwegische Oberste Gerichtshof 2021 feststellte, dass die Regierung Artikel 27 des Internationalen Pakts über bürgerliche und politische Rechte der Vereinten Nationen verletzt hatte, indem sie Windprojekte auf Rentierweideflächen genehmigte, ohne die Zustimmung der indigenen Bevölkerung sicherzustellen. Trotz dieses bahnbrechenden Urteils zeigt die Entscheidung zu Melkøya, dass die Lehren aus Fosen noch nicht vollständig verinnerlicht wurden.
Während die Regierung geringere inländische Emissionen feiert, wird das nicht verbrauchte Gas weiterhin exportiert und andernorts verbrannt. Wie der ehemalige Präsident des Samischen Parlamentes betont, „minimiert Norwegen den CO₂-Fußabdruck einer Gasanlage und nutzt dies als Begründung, um im Grunde genommen das Land der Sámi zu stehlen“. Die Elektrifizierung verlängert somit das Leben der fossilen Industrie unter grünem Etikett, während sie gleichzeitig die Landrechte und die Sicherheit der dort seit Generationen lebenden Menschen untergräbt.

Protest gegen die geplante Kupfermine am Repparfjord. Auf den Bannern steht „Indigene Rechte sind nicht optional“ und „Rettet Repparfjord“. Foto: Rasmus Berg

Millionen Tonnen Bergbauabfälle
Etwa eine Autostunde südlich liegt eine weitere Bruchlinie in Norwegens grüner Transformation: die Kupfermine Repparfjord. Das Projekt, geleitet vom norwegischen Berbauunternehmen Nussir ASA, wurde im März 2025 im Rahmen des EU-Gesetzes über kritische Rohstoffe als „strategisch“ eingestuft, wodurch es trotz lokaler Proteste im Eilverfahren genehmigt wurde.
Die Mine liegt in einem zentralen Rentierweidegebiet und darf trotzdem Millionen Tonnen Bergbauabfälle direkt in den Fjord einleiten – eine Praxis, die weltweit nur noch in zwei Ländern erlaubt ist. Diese Entscheidung gefährdet nicht nur die Biodiversität des Fjords, sondern auch die Ernährungssicherheit und die kulturellen Traditionen der lokalen See-Sámi-Gemeinschaften, die auf den Kleinfischfang angewiesen sind.
Auch hier ist der Widerspruch zwischen nationaler und lokaler Sicherheit deutlich. Für Brüssel und Oslo bedeutet die Kupfergewinnung Rohstoffsicherheit und Zugang zu Ressourcen, die für erneuerbare Energietechnologien wie Windturbinen und Elektrofahrzeuge entscheidend sind. Für die Sámi hingegen bleiben Unsicherheit in der Lebensgrundlage, kultureller Verlust und Umweltzerstörung. Der Drang der EU nach strategischer Autonomie in der Rohstoffversorgung geht mit einer politischen Bereitschaft einher, das Prinzip der freien, vorherigen und informierten Zustimmung zu übergehen – Konsultation wird so zur bloßen Formalität statt zu einem echten Dialog.

Eine „schwarze“ Transformation?
Im Sommer hielten Sámi- und Umweltgruppen ein Protestcamp am Repparfjord aufrecht und warnten, dass die Mine keine grüne, sondern – wie Holmberg es ausdrückt – eine „schwarze Transformation“ darstelle: eine, welche die alte koloniale Logik des Raubbaus unter dem Banner der Nachhaltigkeit erneuere. Die Farbe mag sich geändert haben, doch das Muster bleibt dasselbe.
Die Fälle Melkøya und Repparfjord verdeutlichen die Schwächen der derzeitigen rechtlichen und prozeduralen Schutzmechanismen Norwegens. Obwohl Instrumente wie Konsultationen und Umweltverträglichkeitsprüfungen existieren, werden sie oft als bloße Formalitäten behandelt, nicht als Räume für echten Dialog. „[Die Behörden] haben nicht einmal versucht, die Zustimmung der Sámi einzuholen“, sagt Holmberg über die Melkøya-Entscheidung.
Und dieses Fehlen von Zustimmung ist kein einmaliger Verfahrensfehler – es ist Ausdruck eines tiefer liegenden Ungleichgewichts in der Bewertung unterschiedlicher Formen von Sicherheit und das, obwohl Norwegen bereits 1990 das Übereinkommen über eingeborene und in Stämmen lebende Völker in unabhängigen Ländern (ILO 169) ratifiziert hat. Damit müssen die Sámi eingebunden werden, „wenn gesetzgeberische oder administrative Maßnahmen sie (die indigenen Gemeinschaften) unmittelbar betreffen könnten“.
Nationale und europäische Entscheidungsträger betrachten Energie- und Rohstoffsicherheit meist als kollektive Güter, die in ihrer Bedeutung lokale Belange übersteigen. Für die Gemeinschaften vor Ort jedoch ist auch die Sicherheit ihrer Lebensgrundlagen kollektiv – sie gründet auf gemeinschaftlichen Rechten wie Land, Kultur und Kontinuität. Wird das eine über das andere gestellt, entsteht kein Fortschritt, sondern Hierarchie.

Opfer für den Preis des Fortschritts
Wahre Sicherheit kann weder durch Ausschluss erreicht werden, noch ist sie dadurch wirklich nachhaltig. Wenn der Übergang tatsächlich gerecht sein soll, muss er mit Zustimmung und Dialog beginnen – nicht mit Entwicklung, die von oben verordnet wird. Alles andere bedeutet, die Geschichte unter einem neuen Banner zu wiederholen – grün nur dem Namen nach.
Was im skandinavischen Norden geschieht, ist kein Einzelfall. Weltweit wiederholt sich dasselbe Muster: Der Drang nach nationalem Wachstum, industrieller Entwicklung oder Energieunabhängigkeit dient als Rechtfertigung für die Enteignung jener, die sich am wenigsten wehren können. Ob im Amazonasgebiet, in den entlegenen Regionen Myanmars oder in den australischen Wüsten – die Interessen von indigenen und lokalen Gemeinschaften werden erneut als der „akzeptable“ Preis des Fortschritts betrachtet.
Die Lehre aus Sápmi, dem Siedlungsgebiet der indigenen Gemeinschaft, reicht weit über Norwegens Grenzen hinaus. Sie fordert uns heraus, eine Transformation zu gestalten, die nicht nur grün, sondern auch gerecht ist – eine, die nicht auf der Opferung peripherer Lebensräume beruht. Wahre Nachhaltigkeit bedeutet mehr als den Umbau unserer Energiesysteme; sie verlangt auch eine neue politische Vorstellungskraft darüber, was Sicherheit heißt.
Denn Sicherheit lässt sich nicht in Barrel oder Megawatt messen, sondern in der Gewissheit, dass Kultur, Land und Gemeinschaft fortbestehen. Erst wenn dieses Verständnis das Herz der Transformation bildet, kann sie ihrem Anspruch gerecht werden – andernfalls bleibt sie nur ein grünes Banner, das alte Ungerechtigkeiten überdeckt.

Daniel Ellefsen studiert Human Rights and Diplomacy an der University of Stirling und hat diesen Beitrag im Rahmen eines Praktikums bei der GfbV geschrieben.