Von Holger Isermann
Der Journalist und Autor Claus Biegert ist vor allem für seine Arbeiten zu den indigenen Gemeinschaften in Nordamerika bekannt geworden. „Mitakuye Oyasin“ lautet eine von vielen Überzeugungen, die er dort kennengelernt und verinnerlicht hat. Warum wir alle verwandt sind, was der kleine Fluss Ach zu ihm sagt und wie der Kapitalismus unsere Verbindung zur Erde durchtrennt, verriet der langjährige Beirat der GfbV im Gespräch …
Was sagt es über unser Verhältnis zur Erde aus, dass wir am aktuellen Punkt stehen: neun der 16 bekannten Klimakipppunkte sind Forscher*innen zufolge überschritten, das 1,5-Grad-Ziel womöglich auch …
Durch meinen engen Kontakt mit den Indigenen aus Nordamerika bin ich schon früh sensibilisiert worden für das, was auf uns zukommt. Meine Gesprächspartner*innen waren keine Umweltschützer*innen oder Klimaaktivist*innen, für sie war der Blick auf den Zustand unserer Erde immer Teil ihres Aufwachsens. Ich denke beispielsweise an die berühmte Hopi-Prophezeiung, in der von einer Zeit die Rede ist, in der ein unsichtbares Netz die Erde umspannt und sie auf den Kopf gestellt wird. Heute haben wir das World Wide Web und die Klimaerwärmung.
Hat sich die Prophezeiung ihrer Meinung nach damit erfüllt?
Ja, wenn ich indigene Freunde aus Nordamerika darauf anspreche, nicken sie nur. Dass wir Weißen mit unserer Art zu leben ins Unglück rennen, ist ein festes Bild in ihrem Verständnis. Nur ist es jetzt eben so, dass dieses Unglück alle trifft, unabhängig davon, ob wir für die Ursachen verantwortlich sind. Das ist Teil der indigenen Antwort: Die Natur kennt keine Gnade und wer sie nicht sieht und anerkennt, bekommt zu spüren, dass er innerhalb eines lebenden Systems existiert, das immer das letzte Wort hat.
Die Natur sehen. Ist es nicht sogar so, dass wir sie weitestgehend aus unserem Leben auszusperren versuchen: In unseren jahreszeitenunabhängig temperierten Wohnungen, mit hochverarbeiteten Lebensmitteln im Kühlschrank und am Wochenende im Stadtpark glauben wir, das sei Natur …
Es ist Ausdruck des Kapitalismus, dass wir als Konsument*innen ohne die Verbindung zur Erde leben. Das Lieferkettengesetz wäre eine Durchbrechung und würde uns erlauben, zum Ursprung der Produkte zu blicken. Nur, wer die Quelle sieht, sei es die Wasser-, Rohstoff- oder Informationsquelle, kann sich wirklich ein Bild von ihr machen. Die Hopi haben sich beispielsweise lange gegen Wasserleitungen gewehrt.
Warum?
Weil sie sagen, dass sie durch die dazwischengeschaltete Technologie den Kontakt zur Natur verlieren. Wenn die Kinder morgens mit Gefäßen zur Quelle gehen, sehen sie, wie viel Wasser sie führt. Und wenn es weniger wird, weiß die Gemeinschaft, dass man sparsam damit umgehen muss, bis es wieder regnet. Der rücksichtsvolle Konsument ist unerwünscht in einem System, das auf ungehemmten Konsum baut. Und selbst das Wissen um die Probleme allein, ist oft noch nicht das Rezept für Veränderung. Herz und Verstand müssen zusammenfinden, damit sich Überzeugungen bilden und unser Handeln verändern.
Hast du hierfür ein Beispiel?
1992 haben wir mit einem großen Team das World Uranium Hearing in Salzburg veranstaltet. Schon damals gab es die Diskussion, ob wir Menschen aus der ganzen Welt wirklich nach Österreich holen müssen, und ich habe das stets verteidigt. Die gesamte Zuhörerschaft bildete ein sogenanntes „Board of Listeners“. Zu diesem Board gehörte der deutsch-amerikanische Computer-Pionier Joseph Weizenbaum. Nachdem die Veranstaltung vorbei war, sagte er, dass er alles, was hier erzählt wurde, schon wusste. Aber er habe den Menschen direkt gegenübergestanden, die unter den Folgen des Uranabbaus leiden. Das Wissen habe durch diese Begegnung sein Herz erreicht und ließe sich jetzt nicht mehr beiseiteschieben. Das ist der Kern. Solange ich vom Ursprung getrennt bin, kann man mich in Sicherheit wiegen, mich ablenken. Wenn ich aber mit eigenen Augen sehe, welche Blutspur mein Leben nach sich zieht, fällt dies ungemein schwerer.
In dieser Logik wäre die Industrialisierung der Beginn unserer Entfremdung. Weil wir uns in dem Moment, in dem wir unsere Primärbedarfe nicht mehr selbst stillen, sondern andere dafür bezahlen, von der Quelle entfernen: Vom Wasser, vom Holz, von der Nahrung. Müssen wir zurück ins Zelt oder können wir Fortschritt und Natur zusammen denken?
Diese Frage ist eine der größten unserer Zeit. Denn, wenn wir uns jetzt alle verweigern und wie du sagst, zurück ins Zelt gehen, bricht unser System zusammen. Gibt es also einen Weg, in dem wir vom ständigen Wachstum ohne größere Pannen zu einem Degrowth kommen? Ich denke, dazu bräuchten wir Think Tanks. Schon Einstein sagte, Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind. Wir müssen also Räume schaffen, in denen Neues gedacht wird.
Kein Wachstum wäre aber noch keine Umkehr, nur Stillstand …
Damit würden wir immerhin eine Verlangsamung der Zerstörung erreichen. Wir wissen, dass Produkte heute mit Sollbruchstellen entwickelt werden, damit sie nach einer bestimmten Zeit kaputtgehen. Das ist folgerichtig im Sinne des Kapitalismus, aber es gibt auch andere Ansätze, wie beispielsweise das „Cradle-to-Cradle“-Prinzip des Chemikers Michael Braungart. Er sagt, dass jedes Produkt am Ende seiner Lebenszeit wieder in seine Ursprünge zerlegbar sein muss – um anschließend zurück in die Natur oder in einen neuen Produktionsprozess überführt werden zu können.
Vor gar nicht allzu langer Zeit wurde erst ein neuer Fernseher gekauft, wenn der alte kaputt war und nicht, weil eine technische Innovation mehr Sehvergnügen versprach …
Stimmt. Ich könnte hier den Umweltwissenschaftler und Politiker Ernst Ulrich von Weizsäcker zitieren, der sagte, dass er nicht mehr für Vorträge bei der Industrie eingeladen werden würde, wenn er den Begriff Verzicht nur in den Mund nehmen würde. Ist es nicht eigenartig, dass wir nicht mehr in der Lage sind, zu erkennen, was ein gutes Leben ausmacht? Auf das soll niemand verzichten, nur auf den Überfluss.
Was hat die indigenen Gemeinschaften vor unserem Weg bewahrt?
Schon, dass es bei ihnen keine Überbevölkerung gab. Wenn eine Stammesgemeinschaft zu groß wurde, hat sie sich aufgeteilt und es war genügend Raum für die neuen Nachbarn vorhanden. Es wäre falsch, indigene Kulturen zu idealisieren. Unser heutiges Problem stellte sich ihnen einfach nicht. Alles, was sie weggeworfen haben, hat sich die Natur zurückgeholt. Es gab zwar Übernutzung, aber dem konnte man begegnen, indem man in andere Regionen auswich.
Es fehlte der zerstörerische Hebel, den wir durch Bevölkerungswachstum und Industrialisierung erlangt haben?
Ja, gleichzeitig fühlten sich die Indigenen immer als Teil der Natur und sahen Tiere, wie Bären oder Kojoten als Mitwesen auf Augenhöhe. Dieses große Bild des Zusammengehörens ist schon ein entscheidender Unterschied zu unserer heutigen Gesellschaft. Ich sage deshalb: Lasst uns aufhören, von der Umwelt zu sprechen und sie lieber Mitwelt nennen.
Du verwendest in diesem Zusammenhang auch den Lakota-Satz „Mitakuye Oyasin“ …
„Mitakuye Oyasin“ bedeutet „we are all related“ und meint die vierbeinigen, geflügelten, schwimmenden oder wurzelnden Wesen dieser Erde. Unsere Wissenschaft hat diese Aussage mit der Aufschlüsselung des genetischen Pools bestätigt, die Dakota, Lakota und Nakota lebten danach schon seit Jahr-hunderten.
Dakota, Lakota, Nakota?
Das sind sprachliche Unterschiede, übersetzt heißt es Verbündete. Von den Amerikanern werden sie Sioux genannt.
Im Interview mit der Süddeutschen Zeitung hast du zuletzt gesagt, dass du gern dem Fluss vor deiner Haustür zuhörst. Was sagt er dir?
Zunächst muss ich mir Zeit nehmen, aus meinem durchgetakteten Arbeitsleben aussteigen und mich auf die Ach einlassen. Sie ist ein Ausfluss des Staffelsees und wenn ich an ihrem Ufer sitze oder im Fluss schwimme, erfüllt mich große Dankbarkeit. Mir kommt dann der Māori-Satz „Ko au te awa, ko te awa ko au“ („I‘m the river, the river is me“) in den Sinn und ich spüre die Verbindung zum Wasser. Ich kenne alle Vögel dort. Manchmal fliegt eine Rohrdommel auf oder über mir treffen sich zwei Eisvögel, ein fantastisches Erlebnis. Ich bin großzügig beschenkt, dass ich diese Natur direkt vor der Haustür habe. Und ist es nicht eigenartig, dass wir einen verseuchten Fluss oder See als tot oder krank bezeichnen, ihm im Gegenzug aber kein Leben zugestehen, keine Bedürfnisse, keine Beziehungen?
Es gibt mittlerweile Flüsse oder Berge, die zur juristischen Person erklärt worden sind. Ist dieser juristische Kunstgriff unsere Art der Annäherung an indigene Weltsicht?
Ja, in meinen Augen schon. Obwohl dies nicht der Auslöser für den Rechtsprofessor Christopher Stone in Los Angeles war. Er fragte sich, warum ein Konzern zur Rechtsperson erklärt und von Anwälten vor Gericht vertreten werden kann, ein Berg aber nicht? 1972 schrieb er einen Aufsatz mit dem Titel „Should trees have standing?“ Ein schönes Wortspiel! Daraus wurde das Grundlagenbuch der weltweiten Bewegung der Rechte der Natur. Ich habe Stone mehrmals getroffen; er hat mich sehr beeinflusst.
Kann diese Verrechtlichung unsere fehlende Verbindung kompensieren?
Als ich zuletzt bei den Māori war, haben wir genau darüber gesprochen. Der Whanganui River in Neuseeland wurde schon 2017 zur Rechtsperson erklärt und Gerrard Albert, mein Gesprächspartner, sagte, wir Weißen bräuchten Stone, die Maori brauchen ihn nicht; für sie verkörpern Flüsse, Wälder, Berge ihre Ahnen. Er erklärte mir auch, dass dieses Gesetz streng genommen wertlos sei. Denn dem Fluss sei es egal und das Verhältnis der Maori zu ihm habe sich nicht geändert. Und dass die Weißen plötzlich Gesetze achten würden, das wäre ja etwas ganz Neues. Aber was sich geändert habe, sei die Gesprächskultur, schon allein, dass ich mit ihm dieses Gespräch führte. Ich denke, die Diskussion ist heute eine andere. Vor 30 Jahren wäre es in unserem jetzigen Gespräch um die Menschenrechte gegangen, um Landdiebstahl, Rassismus, aber nicht um unser spirituelles Verhältnis zur Natur. Die Menschen merken, dass etwas nicht stimmt …
… und sind vielfach auf der Suche nach Sinn und Spiritualität. Warum treffen sie sich dann nach der Arbeit mit einer Handvoll Gleichgesinnter für 120 Euro pro Monat in irgendeinem Yoga-Studio, anstatt kostenlos in die Natur zu gehen?
Wenn etwas durchtrennt ist, ist es wahnsinnig schwer, es wieder zusammenzufügen. In einer Firma oder einer Beziehung helfen Mediator*innen bei Konflikten, die andere Seite zu verstehen. Wir haben der Natur mittlerweile wirklich gezeigt, was wir können. Es gibt kaum ein Ökosystem, das wir nicht ausgebeutet oder gar zerstört haben. Die Natur antwortet uns mit Katastrophen. Wir sind inmitten eines Kräftemessens, aus dem wir aussteigen müssen und brauchen dafür wahrscheinlich Mediation.
Ein Krieg zwischen Mensch und Natur?
Natürlich. Mein inzwischen verstorbener Freund, der Philosoph John Sotsisowah Mohawk der Haudenosaunee, wie sich die Irokesen selbst nennen, hat Ende der 1970er Jahre zu mir gesagt: „The war of the future will be between destroyers and defenders of the natural world.“ Für mich bringt das den gegenwärtigen Zustand auf den Punkt: Wir sind mitten in einem Krieg gegen die Natur.
Was macht dir Hoffnung, dass die richtige Seite gewinnt?
Für eine Antwort müssten wir uns zunächst auf den Zeitrahmen einigen. Die Haudenosaunee sagen, dass alles, was wir heute tun, nicht das Wohlergehen der kommenden sieben Generationen gefährden darf. Wenn ich diese Zeit vorausdenke, befürchte ich, dass wir viele schmerzhafte Einschnitte erleben werden – durch den Anstieg des Meeresspiegels, Dürren, Unwetter. Die vermeintliche Sicherheit unserer Konsumgesellschaft ist trügerisch, der Firnis der Zivilisation dünn.
Woran liest du das ab?
Es ist in zahlreichen Krisen unübersehbar, egal in welche Himmelsrichtung wir schauen. Dafür müssen wir nicht einmal das Kapitel USA eröffnen. Meine indigenen Freunde regen sich übrigens gar nicht so sehr über Trump und seine Mannschaft auf, sagen ganz nüchtern: „We know these guys.“ Denn diese Politiker*innen stehen für sie in einer Linie mit den Menschen vor ihnen, die ihre Vorfahren kolonialisiert, ausgebeutet und unterdrückt haben.
Wie gehen sie damit um?
„We just wait“, entgegnete mir einer von ihnen. „Wir haben den längeren Atem. Euch Weißen mit eurer Art zu leben, geht irgendwann die Luft aus.“ Am Ende ist es wohl so: Entweder wir ändern uns selbst oder die Natur wird uns diese Änderung aufzwingen.
Der Journalist und Autor Claus Biegert hat sich neben seiner berichtenden Tätigkeit immer wieder auch aktivistisch engagiert, so etwa 1992 mit der Organisation des World Uranium Hearing in Salzburg oder seiner über 40 Jahre dauernden Unterstützungsarbeit für Leonard Peltier. Zusammen mit anderen betreibt er die Online-Plattform gfbv-voices.org und gründete 2023 mit Mitstreitern das „Loisachbündnis“ – eine Flussallianz zwischen Loisach und Whanganui, die Impuls für eine weltweite Bewegung für die Rechte der Natur sein möchte (www.loisachbündnis.de).