Von Gerrit Jan Hofert
Im Morgengrauen treten Bäuer*innen in Nepals Bergdörfern auf Felder, die ihre Vorfahren schon seit Jahrhunderten bewirtschaftet haben – unsicher, ob die Regenzeit in diesem Jahr überhaupt einsetzen wird. Flüsse, die einst verlässlichen saisonalen Rhythmen folgten, treten nun ohne Vorwarnung über die Ufer. Wälder rücken näher an verlassene Häuser heran, während wilde Tiere die verbliebenen Ernten plündern. Für ländliche Gemeinschaften im Himalaya ist der Klimawandel längst keine wissenschaftliche Prognose mehr. Er ist ein tägliches Ringen ums Überleben – und zunehmend eine Bewährungsprobe grundlegender Menschenrechte.
„Sagt uns lieber, was wir gegen die Affenplage tun sollen.“
Die meisten ländlichen Haushalte sind weiterhin existenziell von Landwirtschaft, Wäldern und lokalen Wasserquellen abhängig. Umweltinstabilität übersetzt sich daher unmittelbar in eine Unsicherheit der Lebensgrundlagen. Wie Kunja Shrestha vom Southasia Institute for Advanced Studies (SIAS) erklärt, „ist der Klimawandel ein zentrales Problem – er betrifft Nepal über alle Regionen hinweg, vertikal wie horizontal.“
In den ländlichen Regionen Nepals – von den Ebenen des Terai bis zu den mittleren und hohen Hügelregionen – untergraben veränderte Niederschlagsmuster und anhaltende Dürren die landwirtschaftliche Produktivität. Gleichzeitig führt aufgegebenes Ackerland dazu, dass Wälder zunehmend in Siedlungsräume vordringen. Dies verschärft Konflikte: „Je mehr Menschen abwandern, desto kleiner werden die Dörfer, desto näher rücken die Wälder – und desto enger wird die unmittelbare Nähe zwischen Mensch und Wildtier, wie es sie zuvor nie gab.“
Lokale Gemeinschaften nehmen Konflikte mit Wildtieren oft als unmittelbarere Bedrohung wahr als den Klimawandel selbst. Wenn Forschende Klimafolgen ansprechen, reagieren Dorfbewohner*innen nicht selten mit der Bitte: „Sagt uns lieber, was wir gegen die Affenplage tun sollen.“ Dies verdeutlicht, wie klimatische Stressfaktoren durch alltägliche Existenzprobleme sichtbar werden – und wie wissenschaftliche Klimadiskurse häufig an den gelebten Realitäten vorbeigehen.
Wasserknappheit und Sturzfluten
Was hier als Veränderung von Niederschlagsmustern und Erntezyklen beginnt, entwickelt sich zunehmend zu einer Frage grundlegender Rechte – insbesondere des Rechts auf Nahrung und Existenzsicherung. Die Verwundbarkeit unterscheidet sich dabei deutlich entlang der geografischen Vielfalt Nepals. Die westlichen Distrikte leiden unter chronischer Wasserknappheit und schwachen Monsunregenfällen, während Hochgebirgsregionen mit steigenden Temperaturen, unregelmäßigen Niederschlägen und Gletschergefahren konfrontiert sind. In Mustang, einer Region, die traditionell kaum Niederschlag erhält, ist der Winterregen bzw. Schnee weitgehend verschwunden, während intensive Starkniederschläge nun Erdrutsche und Sturzfluten in Landschaften auslösen, die an solche Ereignisse nicht angepasst sind. Solche kulturellen Klimamarker zeigen, dass lokales Erfahrungswissen wissenschaftliche Beobachtungen bestätigt – im formellen politischen Handeln jedoch kaum Berücksichtigung findet.
Zwar ermöglicht die Erwärmung in manchen Hochlagen den Anbau neuer Kulturen, insgesamt jedoch wächst die Unsicherheit in Subsistenzsystemen, die über Generationen fein auf stabile Jahreszeiten abgestimmt waren.
Vom Klimaschock zur Menschenrechtskrise
Klimabedingte Extremereignisse übersetzen sich zunehmend in soziale Belastung und menschliche Verwundbarkeit: Überschwemmungen, Erdrutsche, Dürren und Schädlingsbefall zerstören Ernten – im Extremfall sogar landwirtschaftliche Flächen vollständig. „Menschen haben ihre Reisterrassen verloren – das fruchtbarste Land – und sind gezwungen, auf marginale Böden mit marginalen Kulturen auszuweichen“, erklärt Shrestha. Wo Land dauerhaft verloren geht, wird Ernährungsunsicherheit von einer vorübergehenden zu einer strukturellen Notlage. Hinzu kommt Trinkwasserknappheit in dürregefährdeten Regionen, die insbesondere marginalisierte Haushalte trifft.
Der Verlust stabiler Lebensgrundlagen treibt Migration voran, vor allem unter jungen Männern. Sie verlassen ihre Dörfer sowohl innerhalb Nepals – aus Hochgebirgs- und Hügellagen in das Tiefland des Terai – als auch für Arbeitsmigration ins Ausland, insbesondere in die Golfstaaten, nach Malaysia und nach Indien. Rücküberweisungen gelten dabei als zentrales Sicherheitsnetz gegen Armut und Krisen, sind für viele Familien jedoch unregelmäßig und unsicher. Zurück bleiben häufig Frauen, die unter Bedingungen permanenter Unsicherheit allein für Landwirtschaft, Haushalt und Schulden aufkommen müssen. „Frauen müssen Einkommen sichern, Haushalte am Laufen halten und die Bildung der Kinder gewährleisten, während sie auf ungewisse Rücküberweisungen warten“, sagt Shrestha. Scheitert Migration, verschärfen sich Verschuldung und soziale Verwundbarkeit. Diese sich überlagernden Belastungen vertiefen Marginalisierung und schwächen die Fähigkeit der Gemeinschaften, weiteren Umweltkrisen standzuhalten. Klimabedingte Unsicherheit wirkt damit nicht nur als ökologischer Stressfaktor, sondern als sozialer Mechanismus, der bestehende Ungleichheiten vertieft und den Zugang zu grundlegenden Rechten zunehmend ungleich verteilt.
Welche Rechte sind betroffen?
Am unmittelbarsten bedroht ist das Recht auf Nahrung. „Die wichtigste Auswirkung ist Ernährungsunsicherheit – sie wirkt sehr direkt“, sagt Shrestha. Doch die Folgen des Klimawandels reichen weit über materielle Entbehrung hinaus. In Hochgebirgsregionen gefährden Umweltgefahren Wohnraum, Sicherheit und kulturelle Kontinuität. In Kagbeni in Mustang vernichtete eine klimabedingte Sturzflut 2023 ganze Straßenzüge: „Neun Häuser wurden zerstört. Jeder Haushalt hatte mindestens zehn Mitglieder – neunzig Menschen verließen das Dorf. Für eine so kleine Siedlung ist das ein enormer Verlust.“ Klimabedingte Zwangsumsiedlung zwingt Familien in urbane Zentren, wo Zugang zu Wohnraum, Gesundheitsversorgung und sauberem Wasser ebenfalls teuer und unsicher ist.
Für indigene Berggemeinschaften sind Klimarisiken untrennbar mit ihrer kulturellen Identität verbunden. Besonders deutlich zeigt sich die enge Verflechtung von Klima, Identität und Landschaft bei indigenen Berggemeinschaften wie den Tamang im zentralen Hügelland Nepals, den Sherpa im Hochgebirge der Khumbu-Region rund um den Mount Everest, den Limbu und Rai im östlichen Berg- und Mittelgebirge sowie den Thakali im transhimalayischen Mustang-Gebiet. „Identität ist direkt mit der Landschaft verbunden – und die Landschaft mit Religion“, erklärt Shrestha. Klimabedingte Umsiedlung bedeutet daher mehr als den Verlust von Häusern – sie bedroht spirituelle Zugehörigkeit, kulturelle Kontinuität und grundlegende Rechte, insbesondere dort, wo formale Landtitel fehlen. Das trifft neben den indigenen besonders auch auf die als „Dalits“ (die Unterdrückten) bezeichneten Gemeinschaften zu, die historisch dem hinduistischen Kastensystem unterworfen waren und bis heute unter sogenannter „Unberührbarkeit“ und struktureller Diskriminierung leiden. Die Dalits wurden innerhalb der Gesellschaft an den Rand gedrängt, Indigene Völker außerhalb des dominanten Gesellschaftssystems gehalten.
Umsiedlungen jeder Art bedeuten daher für beide Gruppen nicht nur den Verlust von Wohnraum, sondern auch den von kultureller und spiritueller Zugehörigkeit. Selbst wenn alternatives Land vor Ort existiert, verhindern häufig bürokratische Hürden eine Umsiedlung: „Die Menschen können nicht neu anfangen, weil sie keine formalen Landdokumente besitzen.“ In solchen Fällen überschneiden sich das Recht auf Wohnen, kulturelle Selbstbestimmung und das Recht auf Leben und Sicherheit.
Wenn die Flut kommt, sind viele Dörfer zunächst auf sich allein gestellt
„Staatliche Kapazität ist in Kathmandu konzentriert – dort bündeln sich Expertise und Ressourcen“, stellt Shrestha fest. Lokale Verwaltungen verfügen häufig weder über ausreichende Budgets noch über technisches Wissen oder Entscheidungsbefugnisse, um wirksame Katastrophenvorsorge oder Anpassung umzusetzen. Betroffene berichten zudem, dass ihre Gemeinden politisch kaum wahrgenommen werden. Aufgrund ihrer geringen Größe – in einem der genannten Dörfer leben lediglich 14 Haushalte – gelten sie für Entscheidungsträger als wahlpolitisch irrelevant. Entsprechend gering ist das Interesse von Politiker*innen, sich ihrer Anliegen anzunehmen.
In Katastrophensituationen reagieren Gemeinschaften oft schneller als der Staat. Nach den Fluten in Mustang „war die Gemeinschaft die erste, die reagierte – der Staat kam später“, erklärt Shrestha. Technische Schutzmaßnahmen wie Flussdämme versagen häufig und erzeugen „ein falsches Gefühl von Sicherheit“. Diese strukturellen Schwächen verstärken Verwundbarkeit, untergraben Vertrauen in öffentliche Institutionen und erhöhen langfristig das Risiko von Vertreibung und sozialer Fragmentierung.
Klimaanpassung ohne Rechte: Risiken neuer Verletzungen
Auch Klimaanpassung und grüne Energiepolitik können neue Menschenrechtsrisiken erzeugen, wenn sie ohne Beteiligung oder Zustimmung der Betroffenen umgesetzt werden „Großangelegte Wasserkraftprojekte haben indigene Gruppen aus ihren Gebieten verdrängt, und heilige Wälder wurden überflutet“, erklärt Shrestha. Proteste gegen solche Projekte wurden teils polizeilich unterdrückt – ein Hinweis auf die Fragilität partizipativer Schutzmechanismen.
Eine zentrale Herausforderung liegt im technokratischen Charakter der Klimapolitik. Shrestha: „Klimapolitik spricht eine wissenschaftliche Sprache, die für die Menschen nicht verständlich ist – sie spricht nicht zu ihren gelebten Erfahrungen.“ Ohne ernsthafte Einbindung lokalen Wissens und echter Mitentscheidung drohen Anpassungsmaßnahmen, die alte Muster von Ausschluss unter einem grünen Vorzeichen reproduzieren.
Fazit und Ausblick: Nepal im globalen Menschenrechts-Klima-Zusammenhang
Nepals Erfahrungen spiegeln eine größere globale Realität wider. Der Klimawandel wirkt als Verstärker bestehender Ungleichheiten und Governance-Defizite. Gemeinschaften, die am wenigsten zu globalen Emissionen beigetragen haben, sind den frühesten und schwersten Folgen ausgesetzt – von Ernährungsunsicherheit und Vertreibung bis hin zu kulturellem Verlust und politischer Marginalisierung.
„Nepal hat die idealistischsten Politiken auf dem Papier – aber die Umsetzung ist extrem schlecht“, sagt Shrestha. Diese Lücke zu schließen erfordert, Klimaschutz als menschenzentrierten Prozess neu zu denken. „Wir müssen wissenschaftliches Wissen und lokales Wissen auf Augenhöhe zusammenführen“, fordert er.
Klimaschutz und Menschenrechtsschutz sind untrennbar miteinander verbunden. Die sich in Nepal entfaltende Klimarealität zeigt: Resilienz entsteht nicht allein durch Infrastruktur oder Finanzierung. Sie erfordert Beteiligung, Anerkennung kultureller Landbindungen, gerechten Ressourcenzugang und verantwortliche Institutionen – damit die globale Antwort auf den Klimawandel nicht diejenigen zurücklässt, die ihn am wenigsten verursacht haben und die heute schon am stärksten unter ihm leiden.
[Info]
Gerrit Jan Hofert ist Referent der Geschäftsleitung Menschenrechte bei der GfbV.