Von Yvonne Bangert
Der Aufbau eines selbstbestimmten, von staatlicher Subvention unabhängigen Gemeinwesens ist entscheidend für das Überleben indigener Gemeinschaften. Dazu gehört, sich mit Nahrung, Wohnung und Energie selbst zu versorgen. Clean Energy öffnet viele Wege, denn sie liefert Strom aus Sonne, Wind und Wasser – und das ohne die Natur zu schädigen, wie Kohlebergbau, Erdölindustrie oder Uran es tun.
Die große Bedeutung der Sonne
Der Sonne kommt im indigenen Amerika eine große Bedeutung in der Spiritualität, Kosmologie und Medizin zu. Daher ist es naheliegend, dass indigene Tüftler*innen auf der Suche nach der Energieversorgung von morgen ebenfalls bei ihr anknüpften.
Der Oglala Lakota Henry Red Cloud ist ein Pionier dieses Weges. Er stammt aus dem Pine Ridge Reservat in Süd Dakota und wurde hierzulande ab etwa 2010 bekannt. Damals warb er bei Vortragsreisen für die Idee, den Lakota durch die Wiederansiedlung, Zucht und Vermarktung des Bisons einen eigenen Wirtschaftszweig sowie Zugang zu gesünderer Nahrung zu eröffnen. In dieser Zeit entstand auch der Kontakt mit der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV).
Die Indigenen sollten und wollten das Stigma eines Mündels staatlicher Fürsorge ablegen, nicht länger Bittsteller sein, sondern ihr Leben selbst managen. Der Bisonzucht folgten Projekte für den Anbau von Nahrung und als Kernelement Autonomie in der Energieversorgung durch Solarenergie. Clean Energy gilt mittlerweile als Bereich mit großen Chancen für die unabhängige Energieversorgung der Indigenen, als eine wichtige Basis für Selbstverwaltung, Souveränität und eigenständige Wirtschaftsentwicklung in den noch immer verarmten Reservaten. Entscheidend ist, dass die Indigenen die Ressourcen selbst erschließen und nutzen können.
Unabhängigkeit in bitterarmen Reservaten
Henry Red Cloud hat dies früh erkannt. Schon vor vielen Jahren fing er an, durch Herstellung, Vertrieb und Aufbau von Solaranlagen indigene Haushalte in den bitterarmen Reservaten energietechnisch unabhängig zu machen. Er schulte indigene Solartechniker, förderte außerdem den Bau von Niedrigenergiehäusern und die Anpflanzung von Bäumen und Gemüsegärten. Michael Koch und Claudia Weigmann-Koch arbeiten schon lange mit Henry Red Cloud zusammen. In seinem Reise-Blog berichtete Michael Koch zuletzt über einen Besuch beim Red Cloud Renewable Energy Center im Juli 2025:
„Von den ursprünglich im Manufakturverfahren hergestellten Sonnenreflektoren Anfang des 21. Jahrhunderts über den Bau mobiler Solarenergie-Versorgungsanlagen […] 2016 bis hin zum heutigen Ausbildungsbetrieb für Solarenergie war es ein langer Weg. Mittlerweile finden auf dem Red Cloud Gelände regelmäßig Schulungen indigener Interessierter zum Thema ‚Solarenergie ‘ statt.“
Weiter heißt es: „Unter dem Namen Tribal Renewable Energy Coalition findet ein bis 2029 geplanter Zusammenschluss aus 19 indigenen Nationen statt, die an Schulungen teilnehmen und in ihren Reservationen die Solarenergie ausbauen wollen. Hierfür stehen insgesamt 135 Mio. Dollar zur Verfügung, das heißt jeder Nation (offizielle Bezeichnung: Tribes) über 7 Mio. US-Dollar. In allen beteiligten Reservationen sollen bis dahin jeweils 200 Solaranlagen errichtet werden.“
Vorreiter bei indigener Bioenergie
Als Vorreiter in Sachen indigener Bioenergie gelten Henry Red Cloud und sein Sohn John Red Cloud auch dem Department of Energy (DOE) zufolge, das im Februar 2023 ein Gespräch mit beiden führte und im Internet veröffentlichte (siehe Link unten). Von 2002, als Henry Red Cloud sein damaliges Unternehmen Red Cloud Energy gründete, bis zur Veröffentlichung dieses Gespräches 2023 waren Partnerschaften mit mehr als 70 offiziell anerkannten indigenen Nationen entstanden, die mehr als 1.100 indigene Monteure von Solaranlagen ausgebildet hatten. Bereits 2008 hatte Henry Red Cloud das “Red Cloud Renewable Energy Center” gegründet mit dem Ziel, Fachkräfte auszubilden, die das solartechnische Know-how dann in ihren Gemeinschaften verbreiten sollten. Das bewährte Schneeballprinzip. Der Nuclear Free Future Award zeichnete 2010 Henry Red Cloud ebenfalls aus, denn er ermöglicht durch den Zugang und die Nutzung von Clean Energy eine Zukunft ohne Uranbergbau oder Atomkraftwerke. Der Preis wurde bis 2022 von der Nuclear-Free Future Foundation in München vergeben, und wird seit 2023 in Zusammenarbeit von Mitbegründer Claus Biegert, Beyond Nuclear, USA, und den Internationalen Ärzten zur Verhütung des Atomkriegs (IPPNW) weitergeführt.
Weltweites Bündnis für die saubere Energy
Die Organisation Indian Clean Energie mit Sitz in Ottawa, Kanada, wurde von First Nations in Kanada aus der Taufe gehoben. Sie knüpft auf internationaler Ebene Verbindungen zu indigenen Bündnissen.
2024 kamen bei einer internationalen Konferenz indigene Teilnehmer*innen aus Kanada, Argentinien, Aotearoa (Neuseeland), dem wie sie sagen „sogenannten“ Australien, Kolumbien, Dänemark (vmtl. Grönland) und Ecuador zusammen. Der Energie-Wandel, so das Fazit, braucht weltweite Bündnisse zwischen Indigenen, Campesinos und Menschen afrikanischer Abstammung.
Clean Energy ist dabei mehr als eine Technologie, es ist der Aufbau einer nachhaltigen Zukunft für die nächste Generation. Vorgestellt werden etwa ein solarbetriebenes Gewächshaus bei der Sagkeeg First Nation oder der Umweltkreis der Sakiltawak-Jugend in Ile a la Crosse im Nordwesten Saskatchewans, die für den Aufbau lokaler Solaranlagen die Initiative ergriffen hat.
[Info]
Yvonne Bangert war bis 2022 Referentin für Indigene Völker bei der GfbV. Aus dem Ruhestand schreibt sie weiter für die Zeitschrift.