Bozen, Göttingen, 29. Oktober 2026
Angesichts der eskalierenden Kämpfe im Jemen warnt die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) davor, die am stärksten marginalisierten Bevölkerungsgruppen bei der humanitären Hilfe zu übersehen. Besonders gefährdet sei die Minderheit der Al-Muhamaschin, die seit Jahrzehnten unter systematischer Ausgrenzung und anhaltender institutioneller Diskriminierung leidet. Die GfbV fordert UN-Organisationen, internationale Hilfswerke und die Staatengemeinschaft auf, ihre Situation gezielt zu berücksichtigen.
Laut UN-Generalsekretär Antonio Guterres wurden seit Anfang August 280.000 Menschen im Jemen vertrieben. „Dass die Lage der Al-Muhamaschin in dem UN-Bericht nicht erwähnt wird, ist eine fatale Leerstelle. Damit die Hilfe ankommt, muss das Leid marginalisierter Gruppen gesehen und thematisiert werden“, betont Dr. Kamal Sido, Nahostreferent der GfbV.
Die Al-Muhamaschin (übersetzt „die Marginalisierten“) im Jemen leiden laut Angaben der GfbV unter äußerst schlechten humanitären, sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen. Diese hätten sich durch den Krieg weiter verschärft. Die Al-Muhamaschin würden wegen ihrer Hautfarbe und ihrer sozialen Herkunft diskriminiert. Die abwertende Fremdbezeichnung „Al-Akhdam“ („die Diener“) spiegele diese anhaltende Diskriminierung wider. Viele Angehörige der Minderheit würden in informellen Siedlungen am Stadtrand, den sogenannten „Mahawe“, isoliert. Dort lebten sie häufig in notdürftigen Hütten oder Zelten. Trinkwasser, Strom und eine funktionierende Abwasserentsorgung fehlten vielerorts. Manche Siedlungen lägen in Flussbetten oder nahe Mülldeponien und seien dadurch besonders anfällig für Überschwemmungen, Krankheiten und Vertreibungen.
Die andauernden internen Konflikte und der Krieg zwischen der arabisch-sunnitischen Allianz, die von Saudi-Arabien angeführt wird, und den schiitischen Huthi-Milizen, die vom Iran unterstützt werden, verstärkten das Leid der Al-Muhamaschin. „Die Al-Muhamaschin sind die am stärksten betroffene und verwundbarste Gruppe, die durch den Krieg vertrieben wurde. Bei der Verteilung humanitärer Hilfe werden sie häufig zusätzlich marginalisiert. Zugleich steigt das Risiko, dass sie zwischen die Fronten geraten und Konfliktparteien ihre Notlage ausnutzen, um sie für Kampfhandlungen zu rekrutieren“, sagt der Nahostreferent Sido.
Obwohl der Nationale Dialog im Jemen (2013–2014) bereits die Schaffung von Gesetzen empfahl, die die Integration benachteiligter Bevölkerungsgruppen und die Gleichstellung der Geschlechter gewährleisten sollten, werde dies bislang nicht umgesetzt. Viele Al-Muhamaschin besäßen weder einen Personalausweis noch eine Geburtsurkunde. Dadurch werde ihnen der Zugang zu ihren vollen Bürgerrechten, zu rechtlichen und sozialen Dienstleistungen sowie zu humanitärer Hilfe erschwert. Sie litten besonders häufig unter Unterernährung und chronischen Krankheiten und hätten große Schwierigkeiten, Zugang zu Krankenhäusern oder medizinischer und humanitärer Hilfe zu erhalten. Ihre Anzahl wird auf 500.000 bis drei Millionen Menschen geschätzt. Im Jemen leben mindestens 35 Millionen Menschen.