Bozen, Göttingen, 15. Januar 2026
Die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) macht auf ein Interview mit dem geistlichen Oberhaupt der syrischen Alawiten Scheich Ghazal Ghazal aufmerksam, dessen Kurzfassung heute in der katholischen Zeitung „Die Tagespost” veröffentlicht wurde.
In dem Interview beschreibt Ghazal Ghazal die dramatische Lage seiner Gemeinschaft unter der islamistischen Herrschaft von Ahmed al-Scharaa: „Dieses Regime beschränkt sich nicht darauf, Drohungen auszusprechen, sondern zielt darauf ab, andere zu vernichten. Dadurch stellt es eine ständige Gefahr für alle Teile der syrischen Gesellschaft dar. So hat es Massaker an der alawitischen Glaubensgemeinschaft verübt, bei denen auch Kinder, Männer und Frauen getötet wurden. Es hat Frauen entführt und vergewaltigt, unsere religiösen Stätten geschändet, unsere Symbole beleidigt und unser Land niedergebrannt.“ Das Oberhaupt der Alawiten spricht von einem „ernsthaften Versuch der ethnischen Säuberung“ und warnt davor, dass das Regime versuche, „Syrien in einen Bürgerkrieg zu stürzen“.
Scheich Ghazal lebt aufgrund von Drohungen durch das Regime in Damaskus an einem geheimen Ort. „Alle Mitglieder meiner Familie haben Drohungen erhalten. Meine drei Kinder, die Ärzte sind, mussten ihre Arbeit aufgeben und ebenfalls untertauchen. Dennoch ist es meine Verantwortung, das Leben und die Würde der Alawiten zu verteidigen, ihren Schutz zu fordern und die ihnen widerfahrene Ungerechtigkeit zu beseitigen“, sagt er im Interview.
Er appelliert an die Politik und die Medien in Deutschland, sich solidarisch mit der alawitischen Bevölkerung und anderen Minderheiten in Syrien zu erklären. „Wir bitten Sie, sich gegen Unterdrückung zu stellen und gemeinsam mit uns Ihre Stimme zu erheben […], um Unterstützung und Schutz für Minderheiten in Syrien zu fordern”, sagt Ghazal Ghazal in seinem Gespräch mit Dr. Kamal Sido, Nahostreferent der GfbV. Nach dem Sturz Assads im Dezember 2024 und insbesondere nach dem versuchten Völkermord an den Alawiten im März 2025, bemühte Ghazal sich, einen friedlichen Widerstand gegen das neue islamistische Regime in Damaskus zu organisieren. Im Interview bekräftigt er seine Forderung nach einem „pluralistischen, säkularen Zivilstaat“. „Bis heute hoffen und streben wir nach einer friedlichen politischen Lösung und der friedlichen Durchsetzung von Rechten“, so Scheich Ghazal.
Die Fragen wurden von Dr. Kamal Sido, dem Nahostreferenten der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV), gestellt. Sie wurden über der GfbV bekannte und verlässliche Drittpersonen weitergeleitet, um die Sicherheit und den geheimen Aufenthaltsort von Scheich Ghazal Ghazal zu schützen. Die Antworten in arabischer Sprache erhielt die GfbV am 17. Dezember 2025. Sie wurden von Dr. Kamal Sido übersetzt.
Scheich Ghazal Wahb Ghazal kam 1962 im Dorf Tella im Distrikt Al-Haffah in der westsyrischen Provinz Latakia zur Welt. Er ist verheiratet und hat drei Kinder, die allesamt Mediziner sind. Er besuchte die Grundschule in seinem Dorf und anschließend das Gymnasium in Latakia. Danach studierte er islamische Theologie an der Universität Damaskus sowie an einer Universität in London. Er hat mehrere Veröffentlichungen zur islamischen Theologie verfasst. Im Jahr 2003 wurde er Mufti von Latakia. Als 2011 die syrische Krise begann, nahm er klar Stellung, indem er Gewalt ablehnte. Er setzte sich stets gegen religiösen und konfessionellen Hass ein. Scheich Ghazal Ghazal ist derzeit Vorsitzender des Obersten Islamischen Rates der Alawiten in Syrien und im Ausland. Sein aktueller Aufenthaltsort ist unbekannt.
Die rund drei Millionen Alawiten, die an der Mittelmeerküste Syriens leben, befinden sich seit der Machtübernahme der Islamisten in Damaskus in ständiger Gefahr, getötet, verschleppt oder ausgeraubt zu werden. Im März 2025 wurden Tausende Alawiten, darunter Frauen und Kinder, von Truppen des neuen islamistischen Regimes in Syrien ermordet, nur weil sie Alawiten waren.
Das Interview in voller Länge finden Sie hier <https://www.gfbv.de/de/news/interview-oberhaupt-alawiten-syrien-ghazal-ghazal-gefahr-11930/>.