Bozen, 8. April 2026
Dieser 8. April mag zwar nur symbolisch sein, aber immerhin ist er ein Moment der Anerkennung der größten Minderheit in Europa, würdigt der Forscher der Südtiroler Europäischen Akademie in Bozen, Erjon Zeqo den Gedenktag.
In nur wenigen europäischen Staaten sind Sinti und Roma als alteingesessene Minderheiten anerkannt. Sie sind die Ausnahmen, Österreich, Deutschland, die Schweiz oder Irland.
In Italien fehlt diese gesetzliche Anerkennung. Zwar schreibt der Artikel 6 der Verfassung von 1948 den Schutz der Minderheiten vor – das entsprechende Gesetz trat erst 1999 in Kraft – außen vor blieben aber Sinti und Roma. Der Minderheitenschutz bezieht sich nämlich auf Minderheiten mit eigenem Territorium.
Die Folgen für Sinti und Roma sind negativ, analysiert Zeqo auf dem online-Magazin salto. Seine Kritik:
– fehlende Anerkennung der Roma-Sprache;
– Mangel an kulturellen und sprachlichen Schutzinstrumenten;
– Schwäche in der institutionellen Vertretung;
– Abhängigkeit von Sozialpolitiken statt kollektiver Rechte.
Deshalb forderte der Europarat Italien immer wieder auf, inklusivere Schutzinstrumente zu entwickeln. Der ehemalige Südtiroler Senator Francesco Palermo griff diese Kritik auf und legte dem Parlament einen entsprechenden Gesetzesentwurf vor. Zeqo findet den Entwurf innovativ, setzt er doch statt auf den territorialen Schutz auf den individuellen Schutz von Angehörigen von Minderheiten. Unabhängig von ihrem geografischen Standort.
Auf dieser Grundlage sieht der Entwurf die Anerkennung der Roma-Sprache, die Förderung kultureller Identität, die Stärkung der sozialen und politischen Teilhabe sowie die Einführung von Inklusionsmaßnahmen in Bereichen wie Bildung, Arbeit und Wohnen vor.
Der Entwurf wurde nicht verabschiedet, er gilt aber als ein Versuch, die Rechte von Minderheiten an die Realität anzupassen und ein flexibleres Modell im Einklang mit europäischen Standards vorzuschlagen.
Außen vor blieben Sinti und Roma auch in der Südtirol-Autonomie. Eine verpasste Chance auch der Wiedergutmachung. Viele Sinti und Roma waren von 1944 bis 1945 im NS-„Durchgangslager“ bei Bozen „interniert“. Für den Eurac-Forschenden Zeqo ist die fehlende Erwähnung von Sinti und Roma in der Südtirol-Autonomie eine große Lücke.
„Trotz Verfolgung wurden Roma und Sinti von den Nachkriegsprozessen der Anerkennung und Entschädigung ausgeschlossen und ihre Erfahrungen blieben innerhalb der dominanten Narrative von nationalsozialistischer und faschistischer Gewalt marginal,“ kommentiert Zeqo im Minderheiten-Blog von Midas die Lage der Sinti und Roma in Südtirol.
Daran änderte sich auch nichts, als die neue Autonomie 1972 in Kraft trat mit ihren „fortschrittlichen Modellen des sprachlichen Zusammenlebens“ (Zeqo). Die Angehörigen der Sinti und Roma wurden weiterhin marginalisiert, ein blinder Fleck der Südtirol-Autonomie. Und das trotz ihrer Geschichte von Ausgrenzung, Diskriminierung und Genozid.
Zeqo schreibt Klartext: „Selbst in demokratischen Kontexten, die von formaler Anerkennung von Rechten geprägt sind, sind Roma und Sinti weiterhin struktureller Marginalisierung und Diskriminierung ausgesetzt. In einer Region, die erfolgreich durch Mehrsprachigkeit koexistiert, ist die Anerkennung dieser Geschichte eine notwendige Voraussetzung, um gegenwärtige Schwachstellen anzugehen.“
Zeqo wirbt im autonomen Südtirol, dem Land der festgeschriebenen Minderheitenrechte, für Schritte hin zu Sinti und Roma. Er plädiert für „die Integration von Roma- und Sinti-Geschichten in den Geschichtsunterricht, die Stärkung des kritischen öffentlichen Gedächtnisses und die Entwicklung institutioneller Mechanismen gegen verwurzelte Stereotype und Rassismus.“
Denn, sagt der Forschende Zeqo überzeugt, „ohne Erinnerung bleibt Gerechtigkeit unerreichbar und ohne Gerechtigkeit bleibt das Zusammenleben unvollständig“.