Bozen, Göttingen, 4. März 2026
Zum ersten Jahrestag der Massaker an Syriens alawitischer Bevölkerung am 7. März veröffentlicht die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) einen Reisebericht ihres Nahostreferenten Dr. Kamal Sido . Er besuchte im April 2025 alawitische Städte und Dörfer, etwa einen Monat nach Beginn der Angriffe des neuen sunnitisch-islamistischen Regimes auf die Alawiten.
Am 7. März 2025 griff die machthabende Terrormiliz Hay’at Tahrir al-Sham (HTS) die Alawiten an der syrischen Mittelmeerküste an und rief zum Jihad auf. Weitere islamistische Milizen und radikale sunnitische Zivilisten beteiligten sich an den Massakern. Vorausgegangen waren angebliche Angriffe alawitischer Assad-Anhänger auf Truppen des neuen Regimes am 6. März, die als Vorwand für die Angriffe dienten. „Ziel der Angriffe war es, die Alawiten als Gruppe auszulöschen. Zehntausende Bewaffnete aus ganz Syrien folgten den Aufrufen“, berichtet der GfbV-Nahostreferent Dr. Kamal Sido. Augenzeugen berichteten der GfbV, dass die Angreifer „Allahu Akbar” und „Jihad” riefen, während sie in das alawitische Gebiet fuhren. Dort ermordeten sie wochenlang Zivilisten, setzten Häuser in Brand, verschleppten und vergewaltigten Frauen. Die GfbV spricht von einem versuchten Völkermord.
Die GfbV schätzt, dass seit dem Sturz Assads 30.000 bis 60.000 Alawiten getötet, verletzt oder vertrieben wurden – und die Angriffe dauern weiter an. „Täglich werden Alawiten ermordet oder verschleppt. Besonders alawitische Frauen sind in Gefahr, von Islamisten entführt und vergewaltigt zu werden“, betont Sido. Die vom Regime veröffentlichten Zahlen zu den Massakern sind laut der GfbV deutlich zu niedrig. „Alle Untersuchungen, die mit Erlaubnis und Unterstützung des Regimes in Damaskus durchgeführt wurden, sind nicht glaubwürdig. Aktuell ist es nicht möglich, verlässliche und unabhängige Daten zur Zahl der Getöteten zu sammeln. Viele Leichen wurden verbrannt oder ins Meer geworfen. Das Schicksal Zehntausender Alawiten ist bis heute ungeklärt“, sagt der Menschenrechtler.
Um auf die anhaltende Bedrohung der Alawiten aufmerksam zu machen und der Opfer der Massaker zu gedenken, finden weltweit am 7. März Gedenkveranstaltungen statt. In Neuss findet anlässlich des Jahrestages eine internationale Konferenz der Gesellschaft für Menschenrechte in Syrien (AHRS) statt, bei der auch Dr. Kamal Sido anwesend sein wird.
„Die humanitäre Lage in den alawitischen Gebieten ist alarmierend. Alawiten leiden an Hunger. Viele haben ihre Arbeit verloren. Männer wurden verschleppt oder getötet, andere verstecken sich oder fliehen aus Angst, auf offener Straße getötet zu werden“, sagt Sido. „Auch Drusen und Kurden werden gezielt angegriffen. Wenn das Regime in Damaskus keine Schritte zum Schutz aller Minderheiten unternimmt, droht ein neuer Bürgerkrieg und eine dauerhafte Zersplitterung des Landes“, warnt der GfbV-Nahostreferent.
Die GfbV fordert die deutsche Bundesregierung sowie die internationale Staatengemeinschaft auf, das islamistische Regime in Damaskus nur dann weiter zu unterstützen, wenn es die Angriffe auf alle Volksgruppen beendet und das Recht auf Selbstverwaltung für Drusen, Alawiten und Kurden gewährleistet. „Alawitische, drusische und kurdische Gebiete müssen einen autonomen Status erhalten. Dort darf nicht das Scharia-Recht eingeführt werden. Und es darf keine islamistischen Milizen als Polizei oder Armee geben“, betont Sido. Die GfbV fordert die Bundesregierung auf, Fluchtursachen zu bekämpfen, statt mit dem islamistischen Regime von al-Scharaa (al-Jolani) zusammenzuarbeiten, um Abschiebungen zu ermöglichen. „Solange das Regime in Damaskus Minderheiten und Kritiker verfolgt und ermordet, werden mehr Syrer in Deutschland Schutz suchen, nicht weniger.“